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Das Bischöfliche Gymnasium Josephinum

Domhof 7 - 31134 Hildesheim - Tel: 05121-1795-0 - Mail: buero@gymnasium-josephinum.de

1200 Jahre Schule am Dom

Sonntag, 09. Juni 2019 08:26

HAZ vom 8.06.2019: Vom Malocher zum Direktor

Benno Haunhorst hat zehn Jahre regelmäßig im Stahlwerk gearbeitet. Als Erster in der Familie studierte er, wurde zum Leiter einer der ältesten Schulen Deutschlands und politischen Vordenker. In wenigen Wochen geht der Direktor des Josephinums in den Ruhestand. Ein Schulrundgang zum Abschied.

HNH in der 5a

Allen Schülern zugewandt: Beno Haunhorst scherzt mit den Mädchen und Jungen der 5a.


Stippvisite in der 5a. Benno Haunhorst klopft kurz an die Tür und schlüpft dann in den Raum. Die Fünftklässler haben Latein und bereiten den anstehenden bunten Nachmittag vor. Die Mädchen und Jungen wollen ihren Eltern und Freunden spielerisch vorführen, was sie in den zurückliegenden Monaten gelernt haben. Auf dem Programm steht Rotkäppchen auf Latein. Ein aus dem Märchen Schneewittchen geborgter Spiegel übersetzt ins Deutsche.

Der Schulleiter des Gymnasiums Josephinum setzt sich auf eine Tischkante und schaut dem lebhaften Treiben eine Weile zu. In seinem Blick scheinen sich Freude und Eifer der Mädchen und Jungen zu spiegeln. Es ist eine Szene, die man bei Haunhorst so oder so ähnlich schon seit vielen Jahren beobachten kann. Der Schulleiter hat Freude daran, seine Schüler bei der Arbeit zu sehen. Er ist immer gern mittendrin. Und es ist ihm wichtig, jeden einzelnen auf seinem Weg zum Abitur zu begleiten.

Der Vater dreier erwachsener Kinder ist der dienstälteste Leiter eines Hildesheimer Gymnasiums. Kaum ein Zweiter dürfte seinen Schülern so nah sein wie der 65-Jährige. Aber diese besondere Beziehung endet in wenigen Wochen: Fast drei Jahrzehnte seines Berufslebens hat der Pädagoge im Umfeld des Bischöflichen Gymnasiums gewirkt. Am 2. Juli will die Schulgemeinschaft ihn im Foyer in den Ruhestand verabschieden. Einen Nachfolger gibt es noch nicht. Aber das ist nicht mehr Haunhorsts Problem.

Der Oberstudiendirektor verlässt die 5a nach einigen Minuten. Er schreitet durch die Flure, sammelt auf seinem Weg herrenlose Papierschnipsel oder Süßigkeitenverpackungen ein, hat für jeden einen Moment Zeit übrig und ein freundliches Wort parat. So ein Verhalten hinterlässt Spuren bei den derzeit fast 100 Lehrern und 1000 Schülern. „Was ich aber vor allem an ihm schätze, ist seine Verlässlichkeit“, sagt ein Lehrer. „Wenn der Chef etwas zusagt, dann hält er es auch ein.“ Auch seine Sekretärin Michaela Degner hält große Stücke auf ihren Chef, mit dem sie seit acht Jahren zusammenarbeitet. „Andere schauen regelmäßig im Computer nach, wenn sie etwas nicht wissen“, sagt sie. „Herr Haunhorst hat alles im Kopf.“

Wer mit ihm spricht, erfährt das schnell selbst. Zu den meisten Themenbereichen kann er druckreife Referate halten, ohne sich vorher einzulesen. Vor allem dann, wenn es um seine Lieblingsgebiete geht: Mathematik, Theologie und Geschichte. Die beiden letzteren sollte man als Schulleiter eines Bischöflichen Gymnasiums wohl ohnehin beherrschen. Das Josephinum ist zudem eine der ältesten Schulen Deutschlands. „Im Juli feiern wir den 1204. Geburtstag“, sagt Haunhorst.

Die vielen Jahre verleihen dem Gymnasium Gewicht. Es schwingt auch eine unausgesprochene Erwartungshaltung mit, der man als Mensch an der Spitze erst einmal gerecht werden muss. Aber Haunhorst hat sich eine routinierte Lässigkeit im Job angeeignet. „Das Josephinum gab es fast 1200 Jahre ohne mich“, sagt er etwa salopp. „Es wird auch 1200 Jahre nach mir noch funktionieren.“

Der Pädagoge steht jetzt auf dem Domhof und blickt durch seine schwarz gefasste Brille auf das imposante Portal der Schule. Wie gewohnt trägt er ein zugeknöpftes Hemd, eine Krawatte und darüber ein dunkles Sakko. „Deo, Ecclesiae et Patriae“, kann man ganz oben auf dem Portal in lateinischer Sprache lesen. „Für Gott, die Kirche und die Heimat“, übersetzt der Schulleiter. Es ist ein Leitspruch des Josephinums, dem sich auch Haunhorst verpflichtet fühlt.

„Ich stamme aus einer katholischen Arbeiterfamilie“, sagt er. Schon sein Vater und auch der Großvater waren Elektriker im Stahlwerk der Stadt Georgsmarienhütte. In der westfälischen Kleinstadt wurde Haunhorst geboren, hier wuchs er auf. „Meine Brüder und ich waren die Ersten in der Familie, die Abitur ablegten und studierten“, erzählt er. „Meine Mutter ist damals zusätzlich putzen gegangen, damit wir uns das überhaupt leisten konnten“, sagt er. Und auch er selbst trug dazu bei, das Studium zu finanzieren.

Bis zu seinem 26. Geburtstag arbeitete er regelmäßig in dem Stahlwerk, um selbst Geld zu verdienen. Er bündelte Stahlrollen und entgratete gestanzte Bleche. „Im Sommer war es kochend heiß in den Hallen, im Winter bitterkalt“, erinnert er sich. Haunhorst war damals ein gängiger Name im Raum Georgsmarienhütte. „In der Fabrik war ich Haunhorst Nummer 163.“

Wenn man diesen pastoral anmutenden Mann beobachtet, seine auf den ersten Blick durch und durch konservativ anmutende Art auf sich wirken lässt, ist zunächst nichts ferner als das Bild eines jungen Malochers im Stahlwerk. Aber vielleicht wäre er tatsächlich dort geblieben, hätte seine Familie nicht darauf gedrungen, dass er einen anderen Weg einschlägt.

Haunhorst machte Abitur, studierte in Münster und begann 1981 in Lehrte zu unterrichten. Nach zehn Jahren wechselte er als Fachleiter ans Studienseminar nach Hildesheim, vier Jahre später begann er als stellvertretender Schulleiter am Josephinum. 2000 ging er als Schulleiter an das Gymnasium „In der Wüste“ in Osnabrück. Fünf Jahre später kam ein Anruf aus Hildesheim, Haunhorst übernahm den Direktorenposten am Josephinum. Der Rest ist Geschichte.

Vieles hat sich in den Jahren geändert. Manches ist gleich geblieben. Während sogar Bankenchefs die Krawatten nach und nach fallen lassen, hält der Oberstudiendirektor eisern daran fest. Die Schüler kennen ihn nicht anders. Für sie hat die Krawatte zudem eine wichtige Funktion. Wenn Haunhorst sie ablegt, ist hitzefrei. Das ist in den vergangenen 15 Jahren nur manchmal passiert. Zuletzt am Mittwoch.

Im Josephinum geschieht nichts ohne Haunhorsts Wissen. Aber gleichzeitig lässt er seinen Mitarbeitern und auch den Schülern so viel Freiraum, wie sie für eine eigenständige Entfaltung brauchen. Zum Beispiel den Jugend-forscht-Teilnehmern, die seit Jahren Bundessiege für das katholische Gymnasium einfahren. Oder auch den Schülern, die selbst etwas auf die Beine stellen wollen. Auf diese Weise ist auch das Lena-Konzert vor vier Jahren am Josephinum zustande gekommen. Drei Schülerinnen baten darum, den Abstimmungs-Wettkampf organisieren zu dürfen. „Na dann los“, lautete die Antwort. Am Ende holte das Josephinum die Eurovision-Song-Contest-Siegerin nach Hildesheim.

In Hildesheim kennt man den in Holle lebenden Mann als Lehrer, als Schulleiter. Was die Wenigsten wissen: Haunhorst ist bis heute bundesweit gut vernetzt. „Ich habe mal den Arbeitskreis Kirchen und SPD geleitet“, sagt er. Die Sozialdemokratische Partei begleitet ihn seit Jugendtagen. Es ist kein Geheimnis. Spuren davon finden sich vielerorts. Aber Haunhorst ist sehr darum bemüht, politisches Engagement aus dem Schulbetrieb herauszuhalten.


"Bei ihm gibt es kein Geschwätz drumherum."

Wolfgang Thierse, Ehemaliger Bundestagspräsident und Freund von Benno Haunhorst

    Wolfgang Thierse


Dabei ist er sogar so etwas wie ein Vordenker der katholisch-sozialdemokratischen Szene. Hat viel in Zeitschriften wie „Frankfurter Hefte“, „Neue Gesellschaft“ oder „Orientierung“ veröffentlicht. Die Arbeit brachte ihn mit bekannten Politikern zusammen. Unter anderem mit dem SPD-Granden Jochen Vogel oder dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse. „Wir sind seit fast drei Jahrzehnten befreundet“, sagt Thierse. Haunhorst beschreibt er als einen Mann mit einigen „wunderbaren Begabungen“. Wie kaum ein Zweiter sei er mit einer Mischung aus politischer Wachheit auf der einen Seite und der Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge auf den Punkt und dennoch unterhaltsam darzustellen, ausgestattet. „Bei ihm gibt es kein Geschwätz drumherum.“

Das habe er gerade unlängst noch bei einem Besuch mit Freunden in Hildesheim erfahren dürfen. „Benno Haunhorst hat uns zwei Tage durch die Stadt geführt“, erzählt Thierse in seinem Berliner Büro.

Benno Haunhorst sitzt ein paar Tage zuvor in seinem Arbeitszimmer am Domhof und legt vier große Seiten aus Papier vor sich auf den Tisch. Dann zückt er einen dünnen Bleistift. Langsam wandert die Bleistiftspitze an den auf der linken Seite notierten Namen hinab. Es ist ein Plan für das nächste Schuljahr. Welcher Lehrer wird wie viele Stunden unterrichten? Welche Klassen? Gibt es Besonderheiten? Haunhorst hält alles handschriftlich auf den vier DIN-A-3-Blättern fest. Änderungen werden mit unterschiedlichen Farben markiert. Was er notiert, kommt anschließend ins Sekretariat. Dort tippen es seine Sekretärinnen in den Computer.

Da ist es wieder, das Bild eines Mannes, der in Teilen aus der Zeit gefallen scheint. Der aber trotzdem an keiner Stelle überfordert wirkt. Haunhorst nimmt einen Schluck aus seiner Teetasse und blickt aus dem Fenster auf den idyllischen Innenhof, die historische Bernwardsmauer und einen Teil des 1000-jährigen Rosenstocks. Fast könnte man meinen, das Schicksal habe ihn an diesen Ort geführt. Der 1088 gestorbene Benno von Osnabrück war hier lange vor seiner Zeit als Bischof Schulleiter. Und der spätere Bischof Benno von Meißen wurde in der Nähe Hildesheims geboren. Von beiden erfuhr er erst, als er schon in Hildesheim arbeitete. Und natürlich ist Benno Haunhorst auch kein Bischof. „Ich wollte immer unterrichten“, sagt er.

Wenn Haunhorst will, hat er mehrere Orte rund um die Schule, an denen er sich zurückziehen und Kraft tanken kann. Für einen muss er bis unter das Dach steigen. Eine Tür unweit der Leunis-Sammlung führt in einen kleinen Raum. An den Wänden hängen mehrere Fotos. Frühere Lehrer und Direktoren des Gymnasiums sind darunter. Ein Bild zeigt Karl Sackmann. Der Sarstedter Notar hatte dem Josephinum vor seinem Tode 1994 zahlreiche Einrichtungsgegenstände geschenkt. Ein Sofa und ein Sessel in Haunhorsts Büro sind darunter. Auch in dem kleinen Raum unter dem Dach befinden sich mehrere Schränke und Sessel. Dazu einige Sammlerobjekte, die der Jurist gesammelt haben dürfte: Hartholz-Skulpturen aus Afrika und asiatische Schirme, die zusammengeklappt in der Ecke stehen.

Es gibt auch ein Bild in diesem Raum, das einen fröhlich lachenden Haunhorst zeigt. Ein Schüler hat es vor einigen Jahren auf eine Leinwand gesprüht und ihm geschenkt. Vielleicht gehört es nicht zu seinen Lieblingsmotiven. Darüber hinaus sagt der Platz, an dem es hängt, aber auch einiges über seine Person aus. Haunhorst mag noch drei Wochen an der Spitze des Gymnasiums stehen. Aber er drängt sich trotzdem nicht bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund. Haunhorst hat sein Porträt in der letzten Ecke des Raums hinter ein Regal an die Wand gehängt.

Harborth

Von Christian Harborth