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Das Bischöfliche Gymnasium Josephinum

Domhof 7 - 31134 Hildesheim - Tel: 05121-1795-0 - Mail: buero@gymnasium-josephinum.de

1200 Jahre Schule am Dom

Sonntag, 05. Juli 2015 16:34

Kehrwieder vom 5.7.2015: Ein Schicksal wird sichtbar

Zwei „Stolpersteine“ von Gunter Demnig vor dem Josephinum verlegt

Von Kilian Schwartz

 

Stolpersteine KehrwiederHildesheim. „Als Abgangszeugnis ausgestellt. Die Eltern der Schüler wollen nach Holland ziehen.“ Eine knappe handschriftliche Bemerkung auf einem vergilbten Bogen Papier. Darüber die Zensuren der letzten fünf Jahre: Kurt Bloemendal, musikalisch begabt, im Sport ausreichend, sein Bruder Rudi glänzt im Fach „Leibesübungen“. Ansonsten nichts Ungewöhnliches, lediglich hier und da einige Randnotizen über mögliche Versetzungsschwierigkeiten in die nächste Klasse des Bischöflichen Gymnasiums Josephinum. Es ist das Jahr 1934. Die Nationalsozialisten haben seit einem Jahr die Kontrolle über Deutschland an sich gerissen und rasseln in ihrem Rassenwahn, dem bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs über acht Millionen Menschen zum Opfer fallen sollten, bereits mit ihren Ketten. Auch in Hildesheim hält die Ideologie der Nazis Einzug, viele jüdische Familien planen ins Ausland auszuwandern, um Schutz vor Schergen, öffentlicher Demütigung und Verfolgung zu suchen. Auch der jüdische Kaufmann Hermann Bloemendal mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen macht sich auf den Weg nach Holland, weit genug entfernt von der Nazi-Willkür will er seine Familie wissen. Vielleicht hofft er auf einen Neuanfang. Vielleicht hofft er, dass sein älterer Sohn Kurt im Sportunterricht noch mal die Kurve kriegt. Vielleicht kehren sie ja auch eines Tages zurück in ihre Heimat Hildesheim. Doch das Abschlusszeugnis von Kurt und Rudi wird das letzte Mal davon zeugen, dass die beiden hier jemals zur Schule gegangen sind. Acht Jahre später, im September 1943, werden sie im Alter von 23 und 21 Jahren in Auschwitz ermordet. Übrig geblieben sind zwei vergilbte Bögen Papier.
Es ist das Jahr 2015. Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt 70 Jahre zurück, im Josephinum drücken heute wie jeden Wochentag hunderte Jungen und Mädchen mehr oder weniger unbeschwert die Schulbank. Genau wie die Stadt Hildesheim feiert das Gymnasium in diesem Jahr sein 1.200-jähriges Bestehen, bis Ende September zeugen Aktionen und Veranstaltungen von der langen Geschichte der Schule. Eine Geschichte, die sich aber trotz dieses feierlichen Jubiläums auch ihren dunklen Seiten stellen will. An das Leben der beiden in Auschwitz ermordeten Josephinum-Schüler Krt und Rudi Bloemendal erinnern seit Montag zwei „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig im Pflaster vor dem Haupteingang der Schule. Die Aktion „Stolpersteine“ wurde von Demnig im Jahr 2000 ins Leben gerufen und soll in Form von in den Boden verlegten Pflastersteinen aus Messing an den letzten selbstgewählten Wohnort erinnern, den ein Opfer aus der NS-Zeit vor seiner Ermordung gewählt hat. Mittlerweile hat der Künstler eigens über 53.000 „Stolpersteine“ in 19 Ländern in ganz Europa verlegt, in Hildesheim liegen bereits 41 davon. Die Steine auf dem Hof des Josephinums bedeuten nun zwei weitere Schicksale, die aus der Sphäre der verblassenden Erinnerungen in die konkrete Alltagswelt geholt werden. „Für uns ist es selbstverständlich, dass wir allen Josephinern gedenken, die aus Rassenhass ermordet und von Kriegsgewalt umgebracht wurden“, möchte Schulleiter Benno Haunhorst die Aktion verstanden wissen. Auch für Demnig ist es ein Unterschied, ob man in einem Schulbuch über Millionen ermordete Menschen liest oder sich mit einem individuellen Schicksal, dessen Demütigung, Entrechtung oder Enteignung beschäftigt. „Obwohl ich täglich damit befasst bin, bleibt diese Zahl eine abstrakte Größe.“ Gegen dieses Abstrakte sind nun zwei handtellergroße „Stolpersteine“ im Pflaster des Josephinums eingelassen. Zwei Namen von vielleicht viel mehr jüdischen Josephinum-Schülern, die damals vor dem Nazi-Terror flüchten mussten und in Vernichtungslagern umgekommen sind. Das Schul-Archiv und die darin enthaltenden Dokumente sind bei der Zerstörung Hildesheims größtenteils den Flammen zum Opfer gefallen, nur eine Handvoll hat das Feuer überstanden. Sie alle enthalten Namen von Schülern, deren Geschichte bislang eher eine Abstrakte war. Auf vergilbten Bögen Papier gedruckt, zeichneten sie einst in knappen Sätzen auch das Schicksal von Kurt und Rudi Bloemendal vor. Auf zwei Steinen ist ihre Geschichte nun sichtbar geworden.


Bildunterschrift: Schülerinnen des Josephinums betrachten die zwei neuen „Stolpersteine“, die am Montag auf dem Domhof verlegt wurden. Foto: Schwartz

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